Warum ist Falun Gong in China verboten? 6 Kerngründe erklärt

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Falun Gong, auch bekannt als Falun Dafa, entstand Anfang der 1990er Jahre in China und gewann rasch enorme Popularität. Die Praxis verbindet sanfte Meditationsübungen mit einer Lebensphilosophie, die auf drei Kernprinzipien gründet: Wahrhaftigkeit, Güte und Nachsicht. Doch 1999 ordnete die Chinesische Kommunistische Partei (KPCh) plötzlich das Verbot an — der Beginn einer bis heute andauernden Verfolgung, die von internationalen Menschenrechtsorganisationen als eine der schwerwiegendsten religiösen Verfolgungen unserer Zeit eingestuft wird.

Warum hat China eine friedliche spirituelle Praxis mit Abermillionen von Anhängern verboten? Die Antwort liegt in einem komplexen Geflecht aus politischen, ideologischen und persönlichen Faktoren. Dieser Artikel analysiert die sechs Kernursachen, beleuchtet die Ereignisse, die zum Verbot führten, und erklärt, warum diese Entscheidung bis heute Auswirkungen auf Millionen von Menschen weltweit hat.


1. Was ist Falun Gong?

Um das Verbot zu verstehen, muss man zunächst verstehen, was Falun Gong ist.

Falun Gong ist eine geistige Disziplin, die 1992 von Meister Li Hongzhi in der chinesischen Stadt Changchun der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Sie kombiniert fünf sanfte Meditationsübungen mit einer Moralphilosophie, die auf drei Grundprinzipien basiert:

  • Wahrhaftigkeit (真 – Zhēn): Aufrichtigkeit in Gedanken und Handlungen
  • Güte (善 – Shàn): Mitgefühl und Freundlichkeit gegenüber anderen
  • Nachsicht (忍 – Rěn): Geduld und Beherrschung im Umgang mit Konflikten

Falun Gong hat keine Tempel, keine Geistlichen, keine formelle Mitgliedschaft und keine Gebühren. Praktizierende treffen sich freiwillig in Parks zum gemeinsamen Üben und lernen die Grundlagen kostenlos durch Bücher und Anleitungen. Das Hauptlehrwerk Zhuan Falun ist kostenlos online verfügbar.

Für eine umfassende Einführung: Was ist Falun Gong? Fakten über Falun Dafa


2. Der rasante Aufstieg in China

Die 1990er Jahre waren in China eine Zeit tiefgreifenden sozialen Wandels. Nach Jahrzehnten strenger kommunistischer Ideologie suchten viele Chinesen nach alternativen Sinn- und Wertesystemen. Falun Gong traf diesen Nerv.

Mehrere Faktoren erklären den Aufstieg:

Gesundheitsvorteile: Zahlreiche Praktizierende berichteten von erheblichen Verbesserungen ihrer körperlichen und geistigen Gesundheit. In einer Zeit steigender Gesundheitskosten war das Versprechen kostenloser Gesundheitsverbesserung durch einfache Übungen außerordentlich attraktiv.

Moralisches Vakuum: Das rasche Wirtschaftswachstum der 1990er Jahre führte zu einem wahrgenommenen Rückgang traditioneller Werte. Falun Gongs Betonung von Wahrhaftigkeit, Güte und Nachsicht bot einen moralischen Kompass in einer sich schnell verändernden Gesellschaft.

Einfachheit und Zugänglichkeit: Die Übungen waren sanft, für Menschen jeden Alters geeignet und kostenlos erlernbar — eine niedrige Einstiegshürde.

Gemeinschaft: Die Gruppenübungen in Parks schufen ein Gemeinschaftsgefühl, das besonders in zunehmend urbanisierten Gesellschaften geschätzt wurde.

Spirituelle Erfüllung: Für viele bot Falun Gong eine spirituelle Tiefe, die in der vorherrschenden materialistischen Ideologie fehlte.

Bis Ende der 1990er Jahre schätzten offizielle chinesische Stellen die Zahl der Praktizierenden in China auf 70 bis 100 Millionen — eine Zahl, die die Mitgliederzahl der KPCh überstieg. Diese Größenordnung und die Präsenz von Intellektuellen, Beamten und Militärangehörigen unter den Praktizierenden begann die KPCh-Führung zunehmend zu beunruhigen.


3. Die Ereignisse, die zum Verbot führten

Das Verbot war kein spontaner Entschluss, sondern das Ergebnis einer schrittweisen Eskalation:

Wachsendes Misstrauen der Regierung (Mitte der 1990er): Als Falun Gongs Popularität zunahm, begann die KPCh, die Praxis mit Misstrauen zu betrachten. Jede große, unabhängige gesellschaftliche Organisation wurde als potenzielle Bedrohung der Parteiautorität eingestuft.

Medienkritik und Reaktion der Praktizierenden: Staatliche Medien veröffentlichten Artikel, die Falun Gong als unwissenschaftlich und aberglaubisch darstellten. Praktizierende reagierten mit friedlichen Protesten, um Richtigstellungen zu erwirken — was die Spannungen weiter verschärfte.

Der Tianjin-Vorfall (April 1999): Ein Physikprofessor veröffentlichte einen staatlich geförderten Artikel, der Falun Gong kritisierte. Als sich Praktizierende friedlich vor dem Verlagsgebäude versammelten, wurden sie von der Polizei geschlagen und verhaftet. Dieser Vorfall war ein Wendepunkt.

Die Petition vom 25. April 1999: Infolge der Tianjin-Verhaftungen versammelten sich rund 10.000 Falun-Gong-Praktizierende friedlich vor dem Beschwerdeamt des Staatsrats in Peking, um für Anerkennung und ein Ende der Schikanen zu appellieren. Diese ruhige, geordnete Versammlung wurde von Jiang Zemin als direkte Herausforderung der Parteiautorität interpretiert.

Eskalation der Repression: In den folgenden Monaten intensivierte die Regierung Überwachung und Schikane. Die staatlichen Medien starteten eine Propagandakampagne, die Falun Gong als gefährliche Sekte darstellte. Am 20. Juli 1999 erließ die KPCh das formelle Verbot.


4. Die Rolle von Jiang Zemin

Jiang Zemin spielte eine zentrale und entscheidende Rolle bei der Verfolgung von Falun Gong. Als Generalsekretär der KPCh und Staatspräsident Chinas 1999 initiierte er die Kampagne persönlich — gegen den Rat anderer Führungsmitglieder, die eine gemäßigtere Reaktion bevorzugten.

Persönliche Initiative: Jiang Zemin betrachtete Falun Gongs Popularität als direkte Bedrohung seiner eigenen Autorität. Er bezeichnete es als „etwas Unvergleichliches in der Geschichte“ und setzte die Verfolgung trotz fehlender Unterstützung im Ständigen Ausschuss des Politbüros persönlich durch.

Gründung des „610-Büros“: Jiang Zemin richtete das sogenannte „610-Büro“ ein — eine außergesetzliche Sicherheitsbehörde, die ausschließlich zur Ausrottung von Falun Gong geschaffen wurde und die Befugnis hatte, alle staatlichen Institutionen zu übersteuern.

Die „Drei Kompromisslosigkeiten“: Jiang Zemins Direktive lautete: Praktizierende sollten „im Ruf zerstört, finanziell ruiniert und körperlich vernichtet“ werden. Diese Anweisung legte den Grundstein für systematische Folter und Tötungen.

Propaganda und Gesetzgebung: Jiang Zemin setzte die Bezeichnung „Sekte“ (xiejiao — wörtlich: „häretische Lehre“) für Falun Gong durch und ließ anschließend ein Sektiergesetz erlassen — nicht umgekehrt. Das Etikett wurde geschaffen, um die Repression zu rechtfertigen; das Gesetz folgte nachträglich.


5. Die sechs Kernursachen des Verbots

Jenseits der unmittelbaren Auslöser liegen tiefere strukturelle Ursachen:

Ursache 1: Politische Bedrohung durch Größe und Unabhängigkeit

Eine Organisation mit 70–100 Millionen Mitgliedern — die auf freiwilliger Basis, ohne finanzielle Abhängigkeit von der Partei und ohne formelle Hierarchie funktioniert — ist aus Sicht der KPCh eine strukturelle Bedrohung. Die Partei duldet keine unabhängigen Massenorganisationen, die außerhalb ihrer Kontrolle operieren, unabhängig von deren Zielen.

Ursache 2: Ideologischer Konflikt mit dem Marxismus

Falun Gongs Betonung von Spiritualität, Karma und dem Glauben an etwas Höheres steht in direktem Widerspruch zum Marxistischen Materialismus und dem staatlich verordneten Atheismus. Die KPCh betrachtet sich selbst als einzige legitime Quelle moralischer und gesellschaftlicher Orientierung — ein Anspruch, den Falun Gong durch seine eigene Moralphilosophie implizit in Frage stellt.

Ursache 3: Angst vor organisierten gesellschaftlichen Kräften

Historisch betrachtet sind große religiöse und spirituelle Bewegungen in China — vom Taiping-Aufstand bis zur Falun-Gong-Bewegung — für die herrschende Macht immer ein Risikofaktor gewesen. Die KPCh sieht in jeder unabhängigen gesellschaftlichen Kraft ein potentielles Mobilisierungspotential gegen das Regime.

Ursache 4: Präsenz in sensitiven Bevölkerungsgruppen

Die Verbreitung von Falun Gong unter Parteimitgliedern, Militärangehörigen und Regierungsbeamten alarmiierte die KPCh-Führung besonders. Eine spirituelle Praxis, der Angehörige des inneren Machtapparats folgen, wurde als Bedrohung der internen Loyalität interpretiert.

Ursache 5: Jiang Zemins persönliche Machtinteressen

Mehrere Analysten — darunter der Menschenrechtswatch-Bericht von 2002 — weisen darauf hin, dass Jiang Zemin das Verbot auch aus persönlichen Machterwägungen betrieb. Durch die Inszenierung einer angeblichen Bedrohung für die Partei konnte er seine eigene Position stärken und die Sicherheitsapparate unter seine Kontrolle bringen.

Ursache 6: Das Fehlen eines Rechtstaatsprinzips

In einem Rechtsstaat hätte die Frage, ob Falun Gong verboten werden sollte, einer rechtlichen Prüfung bedurft. In China konnte eine Einzelperson — Jiang Zemin — eine Massenorganisation per Dekret zu einer Bedrohung erklären und den gesamten Staatsapparat für ihre Verfolgung mobilisieren, ohne parlamentarische Kontrolle, unabhängige Gerichte oder öffentliche Debatte.


6. Internationale Kritik am Verbot

Das Verbot stieß unmittelbar auf internationale Kritik:

Human Rights Watch veröffentlichte 2002 einen umfassenden Bericht — „Gefährliche Meditation“ — der die Illegalität des Verbots und die Versuche der chinesischen Behörden dokumentierte, die Repression hinter einem Anschein von Rechtsstaatlichkeit zu verbergen.

Freedom House bezeichnete Falun Gong in seinem Bericht „Battle for China’s Spirit“ (2017) als eine der am stärksten verfolgten religiösen Gruppen Chinas und dokumentierte systematische Menschenrechtsverletzungen.

Das Europäische Parlament verabschiedete im Januar 2024 eine Resolution, die die Verfolgung von Falun-Gong-Praktizierenden ausdrücklich verurteilte und die EU-Mitgliedstaaten aufforderte, die Menschenrechtslage chinesischer Minderheiten stärker zu thematisieren.

Die UN-Sonderberichterstatter für Folter und Religionsfreiheit haben in ihren Berichten wiederholt Bedenken zur Behandlung von Falun-Gong-Praktizierenden in China geäußert.


7. Folgen des Verbots: Verfolgung und Menschenrechtskrise

Was nach dem Verbot folgte, wurde von unabhängigen Beobachtern als eine der schwersten religiösen Verfolgungen des 21. Jahrhunderts beschrieben.

Seit 1999 dokumentieren Human Rights Watch und Freedom House für Falun-Gong-Praktizierende:

  • Willkürliche Verhaftungen ohne rechtliche Grundlage, oft auf Grundlage bloßer Denunziationen
  • Folter in Haft — dokumentierte Methoden umfassen Elektroschocks, Schlafentzug, erzwungenes Stehen und psychologische Manipulation
  • Psychiatrische Inhaftierung von Praktizierenden, die ihre Überzeugungen nicht widerrufen
  • Erzwungene Organtransplantation — das unabhängige China Tribunal stellte 2019 fest, dass Falun-Gong-Praktizierende die primäre Quelle für Organe im staatlich organisierten Organtransplantationssystem Chinas waren

Für eine detaillierte Analyse der Organtransplantationsvorwürfe: Falun Gong und erzwungene Organtransplantation: Beweise und internationale Reaktion

Das „610-Büro“ koordinierte die Verfolgungskampagne über alle staatlichen Ebenen hinweg — von der Polizei über Staatsanwaltschaften bis hin zu Arbeitgebern und Schulen. Praktizierende, die sich weigerten, ihren Glauben zu widerrufen, verloren Arbeitsplätze, Wohnungen und Bildungsmöglichkeiten.


8. Internationale Reaktionen

Die internationale Gemeinschaft hat auf die Verfolgung auf verschiedene Weisen reagiert:

Gesetzgebung: Mehr als ein Dutzend Länder — darunter die USA, Kanada, das Vereinigte Königreich, Israel, Spanien und Taiwan — haben Gesetze verabschiedet, die sich mit Organtransplantatmissbrauch und Menschenhandel befassen, die im Zusammenhang mit der Verfolgung von Falun-Gong-Praktizierenden dokumentiert wurden.

Parlamentarische Resolutionen: Neben der EU-Resolution 2024 haben die Parlamente Kanadas, des Vereinigten Königreichs und weiterer Staaten Resolutionen verabschiedet, die die Verfolgung verurteilen.

Gerichtliche Feststellungen: Das China Tribunal unter Vorsitz von Sir Geoffrey Nice QC — dem Ankläger im Fall Slobodan Milošević am Haager Tribunal — kam 2019 zu dem Schluss, dass erzwungene Organtransplantation in China „seit Jahren in erheblichem Ausmaß“ stattgefunden hat und dass Falun-Gong-Praktizierende die primäre Quelle waren.

Auszeichnungen: Freedom House verlieh Li Hongzhi 2001 den International Religious Freedom Award. Li Hongzhi wurde mehrfach für den Friedensnobelpreis nominiert.

In Deutschland verurteilte das Oberlandesgericht Dresden im September 2025 einen chinesischen Staatsbürger wegen mehr als 20 Jahren Spionage — unter anderem wegen der Überwachung von Falun-Gong-Praktizierenden in Deutschland. Das Verfahren illustriert, wie die Verfolgungskampagne der KPCh weit über Chinas Grenzen hinausreicht.


9. FAQ

Ist Falun Gong in Deutschland legal? Ja. Falun Gong ist in Deutschland und in allen EU-Staaten vollkommen legal. Praktizierende treffen sich frei in Parks und öffentlichen Räumen. Das Verbot gilt ausschließlich in der Volksrepublik China.

Ist Falun Gong eine Sekte? Nein — zumindest nicht nach den akademischen Kriterien, die zur Identifizierung schädlicher Kontrollgruppen verwendet werden. Das Etikett „Sekte“ (xiejiao) wurde von Jiang Zemin politisch geschaffen, um die Repression zu rechtfertigen — nicht durch unabhängige religiöse oder soziologische Analyse. Für eine ausführliche Analyse: Ist Falun Gong eine Sekte?

Warum verbietet China Falun Gong, aber nicht andere Religionen? China erlaubt fünf staatlich anerkannte Religionen (Buddhismus, Taoismus, Islam, Katholizismus und Protestantismus) — jedoch nur in stark regulierter, staatlich kontrollierter Form. Falun Gong wurde verboten, weil es zu groß, zu unabhängig und zu wenig kontrollierbar war, nicht weil seine Lehren an sich als gefährlicher galten als die anderer Religionen.

Wie viele Falun-Gong-Praktizierende gibt es weltweit? Falun Gong wird in über 100 Ländern praktiziert. Verlässliche globale Zahlen sind schwer zu ermitteln, da die Praxis keine formelle Mitgliedschaft kennt. In China ist die Praxis seit 1999 verboten; Praktizierende dort riskieren verhaftet zu werden.

Wo kann ich Falun Gong in Deutschland erlernen? Übungsgruppen in Deutschland sind kostenlos und offen für alle. Kontaktinformationen finden Sie auf https://de.falundafa.org/kontakt_deutschland.html. Das Hauptlehrwerk Zhuan Falun ist kostenlos unter de.falundafa.org verfügbar.


10. Fazit

Das Verbot von Falun Gong in China 1999 war keine rechtliche Entscheidung, keine religiöse Beurteilung und keine Reaktion auf nachgewiesene gesellschaftliche Schäden. Es war ein politischer Akt — initiiert von einer Einzelperson (Jiang Zemin), durchgesetzt durch einen außergesetzlichen Apparat (das 610-Büro) und gestützt auf ein nachträglich konstruiertes Etikett („Sekte“), das keine unabhängige Grundlage hatte.

Die sechs Kernursachen — politische Bedrohung durch Größe und Unabhängigkeit, ideologischer Konflikt, Angst vor organisierten gesellschaftlichen Kräften, Präsenz in sensiblen Bevölkerungsgruppen, persönliche Machtinteressen Jiang Zemins und das Fehlen rechtsstaatlicher Kontrollen — erklären gemeinsam, wie eine friedliche Meditationspraxis zur Zielscheibe einer der größten Verfolgungskampagnen des 21. Jahrhunderts werden konnte.

Außerhalb Chinas ist Falun Gong in über 100 Ländern legal und wird frei praktiziert — ein Umstand, der den politischen, nicht religiösen oder sicherheitsbezogenen Charakter des Verbots deutlich unterstreicht.


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